Stürzende Linien
Grundlagen

Stürzende Linien
Stürzende Linien werden Linien und Kanten genannt, die aufeinander zustreben, obwohl sie in Wirklichkeit parallel verlaufen. Der Effekt tritt auf, wenn die Kanten des Objektes nicht parallel zur Filmebene liegen.
Das Bild links zeigt die Aufnahme eines Wolkenkratzers in Chicago. Obwohl die Gebäude- und Fensterkanten in Wirklichkeit parallel zueinander angeordnet sind, erscheinen die senkrechten Kanten nach oben in einem Punkt zusammenzulaufen.
Interessanterweise stören horizontal stürzende Linien den Betrachter nicht, er nimmt sie als völlig normal wahr. Zum Beispiel parallele Eisenbahnschienen, welche in der Ferne scheinbar in einem Punkt zusammenlaufen.
Vertikal stürzende Linien hingegen fallen sofort ins Auge, insbesondere bei Abbildungen von Gebäuden bei denen die Kamera bei der Aufnahme nach oben geschwenkt wurde. Bei der realen Betrachtung eines hohen Gebäudes «korrigiert» das menschliche Hirn stürzende Linien weitgehend automatisch, da es «weiss», dass die Linien nicht zusammen- sondern parallel laufen.
Korrigieren - ja oder nein?
Es stellt sich nun die Frage, ob und in welchen Fällen stürzende vertikale Linien nachträglich mit der digitalen Bildverarbeitung korrigiert werden sollen. Ich unterscheide grundsätzlich zwei Fälle, welche diese Frage beantworten helfen.
1. Stürzende Linien aus technischen Gründen
Die stürzenden Linien sind aufnahmetechnisch bedingt (bewusst oder unbewusst). Sie entstehen, wenn bei der Aufnahme die Kamera nach oben (oder nach unten) geschwenkt wird resp. werden muss. Dies ist oft notwendig, wenn der Abstand zum Objekt zu klein oder die Brennweite zu gross ist, um mit waagrecht ausgerichteter Kamera das ganze Objekt abzubilden. Allzu häufig ist es lediglich die unsorgfältige Ausrichtung der Kamera, insbesondere wenn diese keinen Sucher sondern nur einen LCD Display besitzt.
Das folgende Beispiel zeigt eine Kirche in Strasbourg im Elsass. Bedingt durch den leicht nach oben geneigten Kamerawinkel erscheint die Kirche verzerrt, d.h. unten breiter als oben. Eine solche Sicht wirkt für den Betrachter unnatürlich. Eine (sanfte) nachträgliche Korrektur ist in diesem Fall angebracht.
Das folgende Beispiel zeigt eine Aufnahme von oben auf die Skyline der Stadt Chicago. Dies ist der genau umgekehrte Fall. Bedingt durch den nach unten geneigten Kamerawinkel erscheinen die Hochhäuser verzerrt, d.h. oben breiter als unten. Auch hier vermittelt eine nachträglich Korrektur ein gewohnteres Bild.

2. Stürzende Linien als Gestaltungsmittel
Stürzende Linien sind aber auch ein wichtiges Gestaltungsmittel. In der Regel wird es in der Architekturfotografie eingesetzt, um Grösse, Höhe und Mächtigkeit zu symbolisieren. Selbstverständlich werden solche Perspektiven nicht korrigiert. Das folgende Bild eines Wolkenkratzers in Chicago machte ich mit stark nach oben geneigter Kamera und Weitwinkel-Objektiv. Würde man die stürzenden Linien korrigieren (rechtes Bild), käme ein plattes, nichtssagendes Bild heraus - abgesehen von den technischen Mängeln der Entzerrung.

Das technische Verfahren der Korrektur
Die meisten Bildbearbeitungsprogramme erlauben die Korrektur stürzender Linien (perspektivische Verzerrung). Die Korrektur kann eine recht langwierige Angelegenheit werden. Will man sie technisch korrekt durchführen, muss darauf geachtet werden, dass der Fluchtpunkt der Perspektive stimmt und dass sowohl in der Horizontalen als auch in der Vertikalen die Grössenverhältnisse erhalten bleiben (keine positiven und negativen Stauchungen). Auch soll die Korrektur nicht vollständig zu parallelen Linien erfolgen, damit kein unnatürlicher Eindruck entsteht.